Drei Generationen Dalke auf Welsjagd an einem kleinen Fluss
Vitali DalkeTeilen
Schweißperlen liefen mir über die Stirn, und das Atmen fiel schwer. An diesem schwülen Freitag im Juli beluden mein Vater und ich das Auto. Angelgeräte, Schlafsäcke, Liegen und all das, was man für einen mehrtägigen Angeltrip so braucht. Mein Sohn Vlad half, wo er nur konnte, aber wir schickten ihn immer wieder in den Schatten...
Später folgte das gleiche Prozedere: Ein Teil der Sachen wurde ins Boot gequetscht. Endlich machten wir uns auf den Weg. Zum Glück war das Auto mit einer Klimaanlage ausgestattet.
Nach etwa drei Stunden erblickten wir endlich den Fluss. Unser Ziel war jedoch nicht dieser, sondern ein kleiner Fluss, der einige Kilometer weiter oben mündete. Unsere Aufgabe bestand nun darin, eine Stelle zum Wassern des Bootes und zum Parken des Autos zu finden. Zu unserer großen Erleichterung dauerte die Suche nicht lange. Schnell ließen wir das Boot zu Wasser und beluden es mit den restlichen Sachen. In der Zwischenzeit stöberte Vlad bereits auf den Sandbänken nach Fröschen und anderem Getier.

Und dann kam er endlich – der lang ersehnte Start auf der Wasseroberfläche! Unsere kleine Expedition zu dem kleinen Fluss hatte begonnen! Nach einigen Kilometern erreichte unser Boot die Mündung des Flüsschens, das eine Breite von etwa 10 bis 30 Metern aufwies. Schon nach gut 500 Metern fühlten wir uns wie im wilden Amazonas! Die Ufer waren mit einem undurchdringlichen Dickicht bewachsen, das von verschiedenen Lianen und Kletterpflanzen überwuchert war. Aus dem Wasser ragten Totholz und Baumstümpfe. Es war kaum zu glauben, dass man auf dem Festland noch eine so unberührte Natur finden kann. Von den Baumkronen stießen immer wieder Falken und Habichte herab. Auf den Ästen der über das Wasser hängenden Bäume lauerten Eisvögel auf Beute. Der Fluss schlängelte sich wie eine Anakonda und änderte hinter jeder Kurve seinen Charakter. Tiefe Gumpen wechselten sich mit Flachwasserbereichen ab, in denen eine extrem starke Strömung herrschte. Das Manövrieren wurde immer schwieriger, und die Gefahr, auf ein Hindernis aufzulaufen, wuchs. Nachdem wir einige Kilometer flussaufwärts gefahren waren, beschlossen wir, wieder umzukehren – näher an die Mündung heran. Eine kleine Insel mit einem Sandstrand wirkte wie geschaffen für unser Abenteuer...
Es dämmerte bereits, als die ersten beiden Feederruten zum Fang von Köderfischen ausgeworfen wurden. Während Vlad ein Auge auf die Feederruten hatte, montierte ich das Welstackle. Mein Vater sortierte und verstaute die Ausrüstung. Der erste Biss auf der Feederrute ließ nicht lange auf sich warten. Der Brassen war so stark und kämpferisch, dass wir ihn im ersten Moment für einen Karpfen hielten! Wir sollten den Charakter und die Kraft der hiesigen Fische erst noch kennenlernen! Die starke Strömung hatte in ihnen offensichtlich wahre Athleten herangezogen. Während Vlad und sein Opa fleißig Brassen fingen, montierte ich zwei kurze Ruten für das Welsangeln mit der Abreißleine („Abspannen“). Warum kurze Ruten? Ein siebenjähriger Junge wird es kaum schaffen, eine rund drei Meter lange Rute zu halten, an deren anderem Ende ein tobender Wels zieht. Das ist reine Physik – eine Frage des Hebelgesetzes. Zudem erlaubte es die Breite des Flusses, Ruten mit Längen von 1,80 m, 2,10 m und 2,40 m einzusetzen. Genau diese kratzte ich aus meinem Sortiment zusammen. )))

...Die Schwüle legte sich, und die Sonne begann hinter dem Horizont zu verschwinden. Die beiden Welsruten waren bereits scharf gestellt. An einer Abreißleine hing ein Brassen von etwa 700 Gramm, an der anderen ein handgroßes Rotauge.
Der Abend ging schnell in die Nacht über, doch von Welsaktivität war nichts zu spüren. Mein Vater legte sich im Boot schlafen, mein Sohn und ich machten es uns auf den Liegen direkt neben den Ruten gemütlich... Mit der Zeit verstummten unsere Gespräche, und wir fielen in einen tiefen Schlaf. Das Läuten eines Glöckchens riss mich aus dem Schlaf! Blitzschnell erkannte ich, an welcher Rute der Biss erfolgt war! Die Schnur hing durch. Nachdem ich wieder Kontakt zum Fisch hatte, setzte ich den Anhieb – doch leider ging er ins Leere. Im Schein der Taschenlampe betrachtete ich den Güster, den sich der Wels geschnappt und dabei komplett entschuppt hatte. Ich stellte die Rute zurück in den Rutenständer und kroch zurück ins „Nest“.
...Ich schlief tief und fest und wurde erst am späten Morgen durch die lauten Diskussionen zwischen Enkel und Opa wach.

Der Tag fing herrlich an! Die Sonne schien, und der Fluss war in seiner Unberührtheit eine wahre Augenweide. Wir fingen Barsche auf Köderfisch sowie kleine Rotaugen und Ukeleis auf Pose. Die Feederruten, schwiegen leider.


Nach dem Mittagessen wurde es richtig drückend, und die Sonne brannte erbarmungslos. Alles deutete darauf hin, dass es gegen Abend Regen geben würde.
Kurioserweise wurde das Rotauge an der Abreißleine, das die ganze Zeit über unberührt geblieben war, mitten in der Mittagszeit attackiert.
Der Biss sah allerdings nicht nach einem Wels aus. Höchstwahrscheinlich war es ein großer Barsch, aber vielleicht auch ein Zander oder ein Hecht.

Leider hatten die gefangenen Barsche den Köder so tief geschluckt, dass sie schnell verendeten. Ich beschloss, die Welsruten erst gegen Abend wieder scharf zu machen.
Vor der Hitze flüchteten wir ins Wasser. Der Wasserstand war erhöht, und das Wasser hatte sich nach den Regenfällen einige Tage zuvor ziemlich abgekühlt.

Nachdem wir ausgiebig gebadet hatten, machte ich mich – natürlich mit Hilfe meines Sohnes – daran, die umliegenden Abschnitte des Gewässers zu erkunden.
Wir banden noch ein paar Abreißleinen fest und bereiteten eine Montage mit Boje vor, nachdem wir zuvor die Tiefen gründlich ausgelotet und Kanten mit Löchern gefunden hatten.




Nach einem kräftigen Mittagessen flüchteten wir in den Schatten des aufgespannten Tents, um uns auszuruhen und Kräfte zu sammeln.
Immerhin mussten wir vor dem Abend noch Köderfische fangen und 4 Wallerruten auf Wels auslegen.
Gegen Abend, nach einer weiteren Abkühlung im Wasser, ging die Arbeit wieder los. Anfüttern der Plätze für das Feederangeln, Fang von kleinen Köderfischen mit der Posenrute – alle Geschütze wurden aufgefahren.
Glücklicherweise fingen mit dem Einsetzen der Dämmerung die Brassen und Güstern an zu beißen.
Eine leichte Rute bestückten wir mit einem kleinen Köderfisch, in der Hoffnung, einen Zander zu erwischen. Und der Zander, wenn auch ein kleiner, ließ nicht lange auf sich warten!
Vlad strahlte vor Freude im Schein der Taschenlampe und hielt seinen allerersten Zander in die Kameralinse.

Während ich die frisch gefangenen Köderfische mit dem Boot ausbrachte, gab Vlad am Ufer alles und beförderte einen Brassen nach dem anderen in den Setzkescher.
Wie groß war seine Freude, als statt des nächsten Brassens ein kleiner Mini-Wels an Land gezogen wurde!
Alles in allem hatte ich selbst schon lange nicht mehr so eine abwechslungsreiche Fischerei erlebt. Aber ich ahnte noch nicht, was als Nächstes passieren sollte...

Um uns nicht weiter ablenken zu lassen, wurden die Feederruten und die anderen Ruten eingeholt. Nur eine Rute baute ich zu einer Grundmontage mit einem ziemlich großen Rotauge um, in der Hoffnung, einen größeren Zander zu fangen. Wir machten ein kleines Lagerfeuer an, legten in der Stille trockene Zweige in die gierigen Flammenzungen und lauschten in die Dunkelheit. Der kleine Zander hatte den Haken so tief geschluckt, dass er es leider nicht überlebte. Dafür bot sich die Gelegenheit, meinem Sohn zu zeigen, wie man Fisch unter Feldbedingungen zubereitet. Wir brieten ihn „am Spieß“ und verputzten ihn ruckzuck!
In der Dunkelheit konnte man Eulen und verschiedene andere Vögel hören. Der Tag war so ereignisreich gewesen, dass mein kleiner Angelpartner schnell anfing, im Sitzen einzuschlafen. Mein Vater nahm Vlad kurzerhand in den Arm und ging mit ihm im Boot schlafen. Ich blieb allein bei den Ruten zurück, genoss die Nacht und die Sterne...

Nachdem ich noch eine ungewisse Anzahl von Minuten oder Stunden gewartet hatte (denn Glückliche zählen keine Stunden), beschloss auch ich, mich auf die Liege zu legen. Es war die letzte Nacht unseres Trips. Morgen hieß es Packen und Heimreise. „Schade, dass ich meinem Sohn nicht die Chance geben konnte, mit einem großen Wels zu kämpfen“, dachte ich mir und zog mir die Decke über den Kopf, um mich vor der klammen Feuchtigkeit zu schützen... ...Aus dem Tiefschlaf riss mich plötzlich wieder das gellende Läuten des Glöckchens! Blitzschnell sprang ich von der Liege, kurbelte die schlaffe Schnur stramm und setzte den Anhieb! Am anderen Ende gab es sofort massive Härte und kurz darauf brutale Schläge zu spüren! Das Boot, in dem meine beiden Partner schliefen, lag nur etwa zehn Meter vom Ort meines „Kampfes“ entfernt, aber weder auf mein Schreien noch auf mein Pfeifen wachte jemand auf. Während ich die Welsrute in der einen Hand hielt, fing ich mit der anderen an, Steine nach dem Boot zu werfen. Beim dritten Versuch traf ich. Als Reaktion auf den „Artilleriebeschuss“ meldete sich mein Vater, aber Vlad konnte er nicht wachbekommen. In der Zwischenzeit riss der Wels mit einer einzigen Flucht mehrere Meter Schnur von der Rolle! Ich musste mit aller Kraft dagegenhalten, damit er sich nicht im Totholz festsetzte! Ein außergewöhnlich kampfstarker Gegner. Der Wels war kein Riese, aber er hatte genug Power, um es mit seinen größeren Brüdern aus dem großen Fluss aufzunehmen! Das Landen war schließlich erfolgreich, abgesehen davon, dass der Wels beim Anlanden noch einmal flüchten wollte und mir die Handrücken komplett aufschürfte. Alles endete so schnell, wie es begonnen hatte. Mein Vater verschwand wieder in der winzigen Kajüte des Bootes, und ich legte mich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht auf die Liege und schlief sofort ein.
...Durch den Schlaf hörte ich ein seltsames Knattern... Nach ein paar Sekunden wiederholte es sich, und es durchfuhr mich wie ein elektrischer Schlag: Das ist doch die Bremse der Rolle! Ich sprang auf und stand an der Rute mit der Grundmontage. Anhieb – und ein ziemlich starker Widerstand für einen Zander. „Bestimmt ein Wels“, dachte ich mir. Wie groß war mein Erstaunen, als ich im Schein der Taschenlampe zwei leuchtende Augen sah. Ja, es war ein Zander, und was für einer! Und dann auch schon krochen auch meine Angelpartner aus der „Jolle“. Mein Sohn traute seinen Augen kaum, als er im glasklaren Flachwasser den großen Wels am Setzseil sah. Dann dürfte Vlad Zander die letzten Paar Meter drillen. Als ich ihn landete, kam ich selbst aus dem Staunen nicht mehr heraus. In der Dunkelheit wirkte er kleiner. Wir beschlossen, ihn zu messen. 85 Zentimeter! Mein persönlicher Rekord war gebrochen!




Nachdem wir die Fotos mit dem Zander im Kasten hatten, ließen wir ihn natürlich wieder frei. Er schlug langsam mit dem Schwanz und verschwand majestätisch in der Tiefe. Zum Glück ließ sich der Haken perfekt lösen. Und nach dem Zander war der Wels an der Reihe füe eien Fotoshooting. Am kühlen Morgen stiegen mein Sohn und ich in den Fluss, um mit dem heimischen Herrscher zu posieren. Trotz der Kälte und der Größe des Trophäenfisches schlug sich Vlad meisterhaft: Mal half er mir, indem er den Wels am Schwanz hielt, mal posierte er ganz stolz alleine mit ihm!









Nach diesen emotionalen und von mir so geliebten Badegängen galt es nur noch, den Inhalt des Setzkeschers freizulassen. Wie groß war jedoch die Enttäuschung meines Sohnes, als sich der von ihm gefangene kleine Wels nicht mehr darin befand. Er hatte es schließlich seit dem frühen Morgen kaum erwarten können, ihn noch einmal in die Hände zu nehmen und dann schwimmen zu lassen. Wie und wann er entwischen konnte, wird wohl ein Rätsel bleiben. Zwei ziemlich anstrengende Tage machten sich bei dem Kleinen wohl bemerkbar. Seine Laune war im Keller, und zu allem Überfluss fing es auch noch an zu regnen.


Nachdem wir das Ende des Regens abgewartet hatten, begann das von mir so ungeliebte Zusammenpacken und Verstauen der Sachen. Doch zügig und ohne Hektik verließen wir die Insel recht schnell, ohne auch nur die geringste Spur von uns zu hinterlassen. Um die Stimmung unseres jüngsten Welsanglers wieder zu heben, beschlossen wir, auf dem Rückweg zum Liegeplatz noch ein wenig mit Wallerholz zu klopfen. Das stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Die tiefen Bereiche von 4 Metern passierten wir schnell, danach folgten nur noch 2 bis 2,5 Meter. Da kam auch schon das Auto in Sicht, und wir waren praktisch direkt gegenüber der Stelle zum Slippen des Bootes... Eine innere Stimme flüsterte mir plötzlich zu: Halt dich dichter am linken Ufer, dort, wo die Bäume ins Wasser gestürzt sind. Und tatsächlich! Hier gab es eine kleine Rinne von 3 bis 3,5 Metern. Ein Schlag mit dem Wallerholz, noch einer – und da war er! Vlad stemmte sich verzweifelt gegen die Bordwand des Bootes und pumpte den sturen Wels nach oben! Nach ein paar Minuten waren beide sichtlich erschöpft, und ich setzte zum Wallergriff an! Vlad war überglücklich und voller positiver Emotionen!


Schnell legten wir am Ufer an, machten noch ein Erinnerungsfoto, und der Junior entließ seinen Kontrahenten in die Freiheit – womit er nun auch das allerletzte trockene Ersatzkleidungsstück komplett durchnässt hatte! ))))

Das war sie also, die Expedition mit einem kleinen Angler an ein kleines Flüsschen. Kaum jemand würde vermuten, dass so ein kleiner „Bach“ solch gewichtige Überraschungen bereithalten kann! Während ich diese Zeilen zu Ende schreibe, blicke ich auf die Uhr. Es wird Zeit, die Sachen zu packen. Morgen brechen wir wieder auf, diesmal in einer größeren Truppe, auf der Suche nach den nächsten spannenden Plätzen und bartigen Räubern! Meine Tochter hat auch schon den Wunsch geäußert, mit einem Monster im Fluss zu baden. Ich hoffe, es gibt bald wieder viel zu erzählen!
Vitali Dalke
Juli 2011





