Wels im Winter: Verhalten der Welse und Fangmethoden
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Grüße euch, Freunde und Angelkollegen! Das Thema des Winterverhaltens des Europäischen Welses (Silurus glanis) bleibt eines der meistdiskutierten und mythenreichsten in unserer Community. Viele glauben, dass dieser Flussgigant mit Einbruch der Kälte in einen tiefen Winterschlaf fällt und für Angler absolut unerreichbar wird. Meine langjährige Erfahrung und Beobachtungen, gestützt durch wissenschaftliche Daten aus der Ichthyologie, beweisen jedoch das Gegenteil. Heute möchte ich darauf eingehen, was wirklich mit dem Wels im kalten Wasser passiert und wie man dieses Wissen für einen erfolgreichen Fang nutzt.

Winterangeln auf Wels im Fluss
Physiologie und wissenschaftliche Fakten zur Verdauung des Welses
Um das Verhalten des Welses zu verstehen, müssen wir einen Blick auf seine Biologie werfen. Der Europäische Wels gehört zu den poikilothermen (wechselwarmen) Organismen, das heißt, seine Körpertemperatur und Stoffwechselrate hängen direkt von der Umgebungstemperatur ab. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die kritische Marke für den Wels bei einer Wassertemperatur von 8–10 °C liegt. Sobald das Thermometer unter diese Schwelle fällt, stellt sich der Stoffwechsel des Fisches radikal um.
Besonders interessante Daten liefern Ichthyologen, die die enzymatische Aktivität von Fischen untersucht haben (z. B. in den Arbeiten von Hilge). Es wurde festgestellt, dass die Aktivität der wichtigsten Verdauungsenzyme des Welses – Pepsin und Trypsin – bei einer Wassertemperatur von +5...+6 °C praktisch auf Null sinkt. Dies führt zu erstaunlichen Zahlen: Während die Verdauung einer durchschnittlichen Beute im Sommer 10 bis 24 Stunden dauert, zieht sich dieser Prozess im Winter über 300–400 Stunden hin, kann also bis zu zwei oder drei Wochen dauern. Genau deshalb beobachten wir im Winter das sogenannte Paradoxon des „vollen Magens“: Beim Ausnehmen von im Winter gefangenen Fischen findet man oft unverdauten Mageninhalt. Der Raubfisch hungert nicht im herkömmlichen Sinne, er ist physisch einfach nicht in der Lage, Energie schnell aufzunehmen, weshalb er extrem selten auf Jagd geht.

Diesen kapitalen Wels fing Vitali Dalke im Winter mit Unterwasserposen-Montage mit Köderfisch
Überwinterungsgruben und Sozialverhalten der Welse
Mit dem Einbruch der Kälte greift der uralte Instinkt der Gruppenbildung. Welse verlassen ihre sommerlichen Jagdgründe und ziehen sich in tiefe Rinnen und Löcher zurück – die sogenannten Winterlager. Hier, in der Tiefe, bleibt die Wassertemperatur am stabilsten und hält sich bei etwa +4 °C, der Temperatur der maximalen Dichte des Wassers. An solchen Orten bilden Welse dichte Ansammlungen und liegen oft buchstäblich übereinander. Wissenschaftlich erklärt sich dies durch die Minimierung des Energieverbrauchs: In der Gruppe verringert sich der hydrodynamische Widerstand gegen die schwache Strömung am Grund, und auch der Stress wird reduziert. Der Körper des Fisches bedeckt sich mit einer verdickten Schleimschicht, die eine Schutzfunktion erfüllt.
Winteranglen auf Wels
Der Aufwach-Faktor: Hochwasser und starke Strömung
Die Behauptung, dass der Wels den ganzen Winter über regungslos liegt, gilt jedoch nur für stehende Gewässer oder Perioden stabiler Eisbedeckung. Die Situation ändert sich grundlegend an nicht zufrierenden Flüssen, insbesondere bei steigendem Wasserpegel. Wenn es im Winter zu Tauwetter oder Wasserablass von Dämmen kommt, ändert sich die hydrologische Situation im Flussbett drastisch. Ein Anstieg des Wasserpegels führt unweigerlich zu einer Verstärkung der Strömung. Für den im Energiesparmodus befindlichen Wels wird der Kampf gegen die mächtige Strömung am Grund energetisch unvorteilhaft und sogar gefährlich. Der Selbsterhaltungstrieb zwingt den Fisch, seine „Winterplätze“ zu verlassen und aus der Starre zu erwachen. In diesem Moment schaltet sich der Überlebensmechanismus ein: Nachdem er enorme Energiemengen für Bewegung und den Kampf gegen die Strömung aufgewendet hat, ist der Wels gezwungen, die Verluste auszugleichen und beginnt, nach Nahrung zu suchen.

Kapitaler Wels. Gefangen beim kalten Wasser
Besonderheiten beim Winterangeln auf Wels: Montage und Präsentation
Das Verständnis des trägen physiologischen Zustands des Raubfisches diktiert besondere Anforderungen an das Gerät. In der kalten Jahreszeit, wenn der Fisch nicht bereit ist, schnelle Vorstöße zu machen oder im Wasser aufzusteigen, verwende ich weiterhin die Grundmontage mit Unterwasserpose (U-Pose), jedoch mit wesentlichen Anpassungen. Ein kritisch wichtiges Element ist die Vorfachlänge. Während ein aktiver Wels im Sommer problemlos einen Köder attackiert, der eineinhalb bis zwei Meter über dem Grund spielt, drückt er sich im Winter an den Boden. Deshalb kürze ich die Vorfächer auf 80–100 Zentimeter. Dies ermöglicht es, den Köder direkt im Horizont des Fisches zu präsentieren und dessen Aufwand für eine Attacke zu minimieren.

Diesen Wels fing Vitali Dalke im Februar auf eine U-Posenmontage mit großer Brasse als Köder
Nicht weniger wichtig ist die Feinheit der Montage selbst. Der Muskeltonus des Welses ist im Winter reduziert, seine Bewegungen sind verlangsamt und dem Biss fehlt die sommerliche Aggressivität. Er saugt die Beute eher vorsichtig ein. Bei der Verwendung einer Steinmontage (Abrissmontage) verlängere ich bewusst die Reißleine auf bis zu 40 Zentimeter und vermeide eine starke Spannung der Hauptschnur. Das gibt dem Fisch die Möglichkeit, den Köder ungehindert ins Maul zu nehmen, ohne in der allerersten Sekunde den verräterischen Widerstand des Geräts zu spüren. Erst nachdem der Wels den Köder sicher geschluckt hat und beginnt, sich langsam abzudrehen, erfolgt das Selbsthaken.
Wahl des Köders für das Winterwelsangeln
Ichthyologische Studien zur Winternahrung des Welses bestätigen, dass sich seine Ernährung im kalten Wasser hin zu benthischen (am Boden lebenden) Organismen verschiebt, deren Einsammeln keine Verfolgungsjagd erfordert. Die Angelstrategie muss an die aktuelle Situation angepasst werden.
In Zeiten starken Hochwassers, wenn das Wasser trüb wird und über die Ufer tritt, verwandelt sich der Fluss in einen Strom, der von den Feldern gespülte Nahrung mit sich führt. In dieser Zeit ist ein voluminöses Tauwurmbündel einer der besten Köder, da Würmer und weggespülte Nager in die natürliche Nahrungskette gelangen. Ist der Wasserpegel jedoch stabil, aber die Temperatur niedrig, setze ich auf Köderfische. Dabei wähle ich keine aktiven Fische, sondern ruhigere Weißfische – Brassen oder Güstern. Es ist auch zu beachten, dass Wissenschaftler in den Mägen von Winterwelsen häufig Krebse und Muscheln finden. Daher ist die Verwendung von Muschelfleisch oder Krebsen (wo erlaubt) ein biologisch begründeter Schachzug – es ist leicht verdauliches Protein, das für das Wintermenü des Raubfisches üblich ist.

Dieser Wels biss direkt vor dem Ufer bei hohen Wasserstand des Flusses
Bei hohem Wasserspiegel verlagert sich der Wels oft in Richtung Uferlinie und sucht unter überfluteten Büschen, in Kehrwassern und Rückströmungen Schutz vor der Strömung. Hier eröffnen sich auch Möglichkeiten für das Spinnfischen. Das langsame Führen von Gummifischen, schweren Blinkern oder Wobblern kann den Winterwaller zu einer reflexartigen Attacke provozieren.
Aktivitätszeiten des Welses im Winter
Ein interessanter Fakt, der durch meine Beobachtungen bestätigt wird, ist die Verschiebung des Tagesrhythmus. Ist der Wels im Sommer ein fast ausgesprochener Nachträuber, verlagert sich die Fressaktivität im Winter oft auf die hellen Tagesstunden. Besonders vielversprechend sind sonnige Tage, wenn selbst eine minimale Erwärmung des Wassers im Flachwasser die Futterfische und in deren Folge auch den Wels aktivieren kann.

Bei Hochwasser jagen die Wels oft im Flachwasser von überflütetetn Wiesen. Diesen Wels fing Vitali Dalke mit einer Abspannmontage und Köderfisch.
Das Winterwelsangeln auf Wels ist eine Prüfung nicht nur für das Gerät, sondern auch für den Charakter. Angesichts des verlangsamten Stoffwechsels und des langen Verdauungszyklus (jene 300–400 Stunden) frisst der Waller extrem selten. Manchmal muss man mehrere Tage auf einen einzigen Biss warten. Aber genau diese Schwierigkeit macht den Wintertrophäenfisch besonders wertvoll. Der Fang eines Flussgiganten unter Bedingungen, in denen die Natur schläft, ist die hohe Kunst für den Angler, der bereit ist, die Elemente herauszufordern.
Autor: Vitali Dalke




