Fressverhalten von Welsen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Fressverhalten von Welsen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Vitali Dalke

Wissenschaft trifft Angelpraxis: Das Fressverhalten des Welses in Europas Gewässern

Der Europäische Wels (Silurus glanis) ist nicht nur der unangefochtene Gigant unserer Süßgewässer, sondern auch ein extremes Chamäleon, wenn es um seine Nahrung geht.

Während die aktuelle Studie von Yazici et al. (2025) aus dem anatolischen Sıddıklı-Stausee spannende Grundregeln seines Verhaltens aufdeckt, zeigt ein Blick auf weitere europäische Forschungsergebnisse, wie radikal sich dieser Fisch an unterschiedlichste Lebensräume anpasst.

Was frisst der Wels?

Die Ergebnisse unterstreichen die sogenannte „trophische Plastizität“ des Welses – also seine bemerkenswerte Fähigkeit, seine Ernährung flexibel an das jeweilige Nahrungsangebot, die Jahreszeit und seine eigene Körpergröße anzupassen.

Wer den Wels verstehen – und letztlich fangen – will, muss das jeweilige Gewässer lesen lernen. Hier ist der aktuelle Stand der Wissenschaft darüber, was wirklich auf dem Speiseplan des Welses steht.

Der ontogenetische Wandel: Vom Wurm zum Großfisch

Die Untersuchungen aus dem anatolischen Sıddıklı-Stausee liefern eine perfekte Blaupause für die altersbedingte Ernährungsumstellung (den sogenannten ontogenetischen Wandel) des Welses. Die Magenanalysen von 200 Tieren zeigten ein klares Muster, das auch in anderen europäischen Gewässern immer wieder bestätigt wird:

Kleine Welse fressen Flusskrebse, Muscheln und InsektenlarvenJungfische ernähren sich fast ausschließlich von am Boden lebenden Wirbellosen, Krebsen (oft über 50 % der Nahrung) und Insektenlarven.

Mittelgroße Welse jagen bevorzugt kleinere Schwarmfische.

Kapitale Exemplare meiden den Energieaufwand für kleine Beute. In dem untersuchten Stausee bestand ihre Hauptnahrung zu fast 80 % aus großen Schleien (Tinca tinca).

Mittlere und Große Welse bevorzugen Fische als Nahrung

Zudem bewies die Studie, dass Welse im Winter die mit Abstand höchsten Magenfüllstände aufwiesen – ein klarer Beweis dafür, dass der Wels kein reiner „Sommerfresser“ ist und sich das Angeln in tiefen Gumpen auch in der kalten Jahreszeit definitiv lohnen kann.

Anmerkung von mir:
Hierbei muss jedoch zwingend beachtet werden, dass diese Studie in den wärmeren Gefilden der Türkei durchgeführt wurde. Es kann sein, dass bei den milderen Temperaturen die Welse dort auch im Winter öfters aktiv sind. Aber auch dort sinkt der Stoffwechsel der Welse bei kälterem Wasser im Winter drastisch ab. Das bedeutet in der Praxis, dass ein Wels bis zu zwei Wochen benötigen kann, um seinen Mageninhalt vollständig zu verdauen. Genau dieser verlangsamte Verdauungsprozess ist eine sehr realistische Erklärung für die prall gefüllten Mägen in den Wintermonaten.

Extreme Anpassung: Taubenjagd und Tiefsee-Tauchgänge

Dass der Wels ein opportunistischer Räuber ist, beweisen Studien aus anderen Teilen Europas auf teils spektakuläre Weise. Er frisst nicht einfach nur das, was in rauen Mengen da ist, sondern entwickelt hochspezialisierte Jagdtechniken für die profitabelste Beute.

Wels greift Taube an

Die Taubenjäger vom Tarn: Eine weltberühmte Studie aus dem Fluss Tarn in Südfrankreich dokumentierte, wie Welse ihr Verhalten komplett anpassten, um Tauben zu jagen, die am flachen Ufer badeten. Die Fische schossen aus dem Wasser und strandeten sich absichtlich für wenige Sekunden auf dem Kies, um die Vögel zu schnappen – ein Verhalten, das Biologen bis dahin fast ausschließlich von Orcas kannten.

Jäger der Tiefe: Eine Untersuchung am Lago Maggiore in Italien zeigte, dass Welse keineswegs nur im Flachwasser oder im Mittelwasser jagen. Die Forscher wiesen nach, dass die Welse dort in Tiefen von über 60 Metern abtauchten, um tief stehende Beutefische zu attackieren.

Fließgewässer vs. Stillwasser: Der Speiseplan ändert sich

Ein Wels in einem Flussstrang jagt völlig anders als ein Artgenosse in einem stehenden Gewässer. Das verdeutlichen Studien aus großen Flüssen wie dem Ebro (Spanien) oder dem Tejo (Portugal).

Der "Interceptor" im Fluss: In Fließgewässern positionieren sich Welse oft strategisch an Strömungskanten oder Wehren, um wandernde Fischarten abzufangen. Während im anatolischen Stausee standorttreue Schleien die Hauptbeute waren, füllen sich Welse in großen, durchlässigen Flüssen (wie auch dem Rhein) die Mägen oft gezielt mit aufsteigenden Aalen, Barben oder Maifischen.

Wels jagt eine Schleie

Der Invasions-Effekt: Studien zeigen, dass Welse in Gewässern, in die sie neu eindringen, zunächst extrem schnell wachsen. Sie stürzen sich auf völlig unbedarfte Beute – etwa heimische Wasservögel oder große Weißfische, die im Laufe der Evolution keinen natürlichen Fluchtinstinkt vor diesem riesigen Prädator entwickelt haben. Sobald diese leichte Beute sich an die neue Gefahr vom großen Räuber angepasst hat, stellen sich die Welse völlig flexibel auf Krebse oder andere Beutetiere um.

Meister der Nacht

Eine Verhaltensstudie des französischen Forschungsinstituts INRA untersuchte den Tag-Nacht-Rhythmus der Tiere. Sie belegte wissenschaftlich, dass Welse (besonders wenn sie als Einzelgänger agieren) streng nachtaktive Jäger sind.
Anmerkung von mir: Eine bekannte Ausnahme bildet hier natürlich sehr trübes Wasser, das ohnehin wenig Licht durchlässt.
Sie verlassen sich bei der Jagd nicht auf die Augen, sondern auf ihren hochsensiblen Geruchssinn, ihr Seitenlinienorgan und ihre langen Barteln. Durch spezielle Elektrorezeptoren können sie die feinen Muskelzuckungen von Beutefischen in völliger Dunkelheit oder in extrem trübem Hochwasser zielsicher wahrnehmen. Interessanterweise zeigte die Studie aber auch: Wenn Welse in größeren Gruppen stehen, kann dieser Rhythmus aufbrechen und sie gehen mitunter auch am helllichten Tag auf Raubzug.

Anmerkung von mir: Aus meiner eigenen Praxis als Angler kann ich jedoch ergänzen, dass ich oft Momente erlebt habe, in denen Welse selbst in relativ klarem Wasser am Tag deutlich aktiver waren als in der dunklen Zeit. Die Wissenschaft liefert uns gute Richtwerte, aber am Wasser gibt es eben keine absoluten Regeln.

Fazit für die Angelpraxis

Was lernen wir aus dieser geballten Wissenschaft? Es gibt nicht den einen Wels-Köder und nicht die eine Taktik.

1. Beobachte das Ökosystem: Gibt es im Gewässer riesige Brassenbestände? Dann ist ein großer, massiver Köder die erste Wahl. Gibt es viele Wasservögel oder fressen Ratten am Ufer? Dann können laute Oberflächenköder brutale Bisse in der Flachwasserzone provozieren.

2. Die Location diktiert die Methode: In Stauseen (wie in der anatolischen Studie) lohnt es sich, tiefe Kanten und Freiwasserzonen (pelagisch) abzusuchen. In Flüssen stehen die Fische oft dort, wo die Strömung ihnen die Nahrung direkt vor das Maul treibt.

3. Sei so flexibel wie der Fisch: Wenn der klassische Köderfisch an einem Tag verschmäht wird, erinnere dich an das gigantische Spektrum des Welses. Ein dickes Bündel Tauwürmer, Tintenfisch (Calamari) oder sogar große fischmehlhaltige Pellets können oft den Schalter umlegen, da sie wirbellose Nahrung oder leichte Proteinquellen imitieren, die tief im Jagdinstinkt des Welses verankert sind.

Wels frisst Boilies

Jedes Gewässer hat seine eigenen Gesetze. Der Wels hat sich im Laufe der Evolution perfekt darauf eingestellt – als Angler müssen wir genau das Gleiche tun.

Viel Erfolg am Wasser!
Vitali Dalke

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