Welsangeln im Hochsommer
Vitali DalkeShare
Welsangeln im Hochsommer: Wie du wissenschaftliche Erkenntnisse und echte Praxis in kapitale Fänge verwandelst
Wenn das Thermometer im Juli und August unbarmherzig nach oben klettert und das Wasser die magische Marke von 25 Grad Celsius überschreitet, verfallen die meisten Raubfische in eine sommerliche Lethargie. Hechte und Zander reduzieren ihren Stoffwechsel auf ein Minimum und stehen fast unnahbar im tiefen Wasser.
Doch für uns Wallerangler schlägt jetzt die goldene Stunde. Der Europäische Wels (Silurus glanis) läuft bei diesen Extremtemperaturen erst zur Höchstform auf. Um im Hochsommer erfolgreich zu sein, müssen wir jedoch die Biologie des Fisches verstehen und dieses Wissen in eine glasklare Taktik für das Gewässer ummünzen.
Der Wels im Hochsommer – Was sagt die Wissenschaft?
Während heimische Fischarten bei hohen Wassertemperaturen unter erheblichem Hitzestress leiden, ist der Wels als wärmeliebende (eurytherme) Art ein absoluter Gewinner des Hochsommers. Sein physiologisches Optimum für Stoffwechsel und Wachstum liegt extrem hoch – wissenschaftliche Untersuchungen beziffern dieses auf 25 bis 28 Grad Celsius. Erst jenseits der 30-Grad-Marke gerät sein Organismus an seine Grenzen.
Biologische und telemetrische Studien (u.a. von Santos et al., 2024 sowie Maiditsch & Ladich, 2014) zeigen ein faszinierendes Bild über das Verhalten des Welses bei sommerlichen Höchsttemperaturen:
Die Thermokline-Anomalie (Invertiertes Vertikalverhalten)
Entgegen dem weit verbreiteten Glauben, Welse würden sich an heißen Sommertagen ausschließlich in den kühlsten, tiefsten Gumpen aufhalten, belegen radiotelemetrische Untersuchungen das Gegenteil:
Tagsüber im flachen Warmwasser: Welse nutzen das aufgeheizte Oberflächen- und Flachwasser gezielt als „Stoffwechsel-Booster“. Sie verbringen die sonnigen Stunden oft in erstaunlich flachen, warmen Zonen oder knapp unter der Wasseroberfläche im Freiwasser (Pelagial).

Nachts in die Tiefe: Sobald die Sonne untergeht, dreht sich das Muster im Hochsommer komplett um. Während die Fische im Frühjahr nachts flach ziehen, wandern sie im Sommer bei Dunkelheit oft in tiefere Schichten ab oder patrouillieren entlang der thermischen Sprungschicht (Thermokline), da sich dorthin auch viele Beutefische zurückziehen.
Das "Super-Gehör" bei hohen Temperaturen
Dass der Wels ein hervorragendes Gehör besitzt, ist bekannt. Doch Forscher (Maiditsch & Ladich, 2014) fanden heraus, dass seine Sinnesleistungen direkt mit der Wassertemperatur korrelieren. Bei einem Temperaturanstieg von 15 Grad auf 25 Grad Celsius nimmt die Hörsensitivität des Welses um über 10 Dezibel zu. Besonders im Frequenzbereich zwischen 300 Hertz und 4 Kilohertz – exakt der Bereich, in dem sich zappelnde Beutefische oder Bewegungen im Wasser abspielen – hört der Wels im warmen Sommerwasser extrem scharf.
Anpassung an Sauerstoffmangel (Hypoxie)
Warmes Wasser speichert physikalisch deutlich weniger Sauerstoff. Sinkt die Sauerstoffkonzentration im tiefen, stehenden Wasser im Hochsommer unter 5 mg/l, geraten viele Fischarten in Atemnot. Der Wels besitzt eine relativ hohe Toleranz gegenüber Sauerstoffmangel, passt sein Verhalten jedoch strategisch an: Er meidet sauerstofffreie Tiefenzonen komplett und sucht gezielt Bereiche mit starker Wasserbewegung und Strömung auf.
Die anglerische Praxis – Taktik, Spots und Köderwahl
Wie lassen sich diese faszinierenden wissenschaftlichen Erkenntnisse nun in konkrete Fänge ummünzen? Hier fließen Biologie und jahrelange Praxiserfahrung am Wasser zusammen.
1. Das magische Morgenfenster für Großwelse
Die meisten Angler packen im Hochsommer ein, sobald die Sonne aufgeht. Meine persönliche Erfahrung zeigt jedoch ein ganz anderes Bild: Gerade bei sehr warmem Wasser beißen die wirklich großen Welse auffallend oft am frühen Morgen direkt bei Sonnenaufgang. Manchmal geht das Beißfenster sogar noch weiter, wenn die Sonne schon richtig am Himmel steht und knallhart aufs Wasser strahlt.

Vitali Dalke mit einem großen Waller der am frühen Morgen direkt vor den Füßen auf eine tote Brasse am Grund in einem Stausee gebissen hatte.
Meine These dazu:
In den frühen Morgenstunden ist es am kältesten und das Wasser im Flachwasser kühlt über Nacht minimal ab. Diese leichte Abkühlung und der damit verbundene Sauerstoffschub locken die Weißfische magisch an – sie ziehen ins Flache und werden wieder munter. Der Wels folgt als cleverer Räuber einfach nur seinen Beutefischen und nutzt dieses kurze, produktive Zeitfenster eiskalt aus!
Während die kleineren Waller oft in den ersten Stunden der Nacht aktiv sind, nutzen die wahren Giganten genau diese kühle Übergangsphase zum Tag. Wer im Hochsommer zu früh einpackt, verpasst oft den Fisch seines Lebens! Lass deine Ruten deshalb unbedingt bis in den Vormittag hinein unberührt liegen.
2. Die Geheimwaffe im Sommer: Der große tote Köderfisch
Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ein großer, toter Köderfisch im Hochsommer einem lebenden Köder oft deutlich überlegen ist. Das hat einen logischen, biologischen Hintergrund, der direkt an den sommerlichen Sauerstoffmangel anknüpft.

Da im warmen Wasser regelmäßig größere Mengen an Weißfischen verenden, stellt sich der Wels als effizienter Energiesparer darauf ein. Er merkt sofort, dass der Gewässerboden im Sommer praktisch mit „Gratis-Nahrung“ in Form von frisch verendeten Fischen ausgelegt ist. Indem er sich auf die Aufnahme dieser toten Fische konzentriert, spart er wertvolle Energie bei der Jagd. Ein großzügiger, unbeweglicher toter Köderfisch oder ein fettes Filetstück passt im Sommer perfekt in sein Beuteschema.
3. Spotsuche nach dem Sauerstoff-Prinzip
Wenn das Gewässer im Hochsommer thermisch geschichtet ist, musst du die sauerstoffreichen Oasen finden:
Im Fluss: Konzentriere dich auf schnell strömende Bereiche, Wehre, Turbinenausläufe und vor allem Einläufe von Bächen oder kleineren Flüssen. Hier wird das Wasser permanent mit Sauerstoff angereichert.
Im See: Nutze den Wind! Die Uferseite, auf die der Sommerwind drückt (auflandiger Wind), transportiert sauerstoffreiches Oberflächenwasser nach unten. Ebenso sind extrem dichte Unterwasser-Krautwälder tagsüber wahre Sauerstoff-Fabriken, an denen sich die Waller sammeln.
4. Die Präsentation am Tag und in der Nacht
Nutze das temperaturabhängige Wanderverhalten der Fische für deine Montage:
Tagsüber: Suche die Fische im Flachwasser, in dichten Krautbetten oder direkt unter der Oberfläche. Abspannmontagen an Krautkanten oder eine pelagische Präsentation im Freiwasser sind jetzt unschlagbar.
Nachts: Biete deine Köder an den steilen Abbruchkanten an, die ins Tiefere führen, und präsentiere sie knapp über der Sprungschicht. Auch Grundangeln an flachen Sandbänken oder direkt im Uferbereich bringt oft Bisse direkt vor den eigenen Füßen.
Absolute Lautlosigkeit: Da das Gehör des Welses im warmen Wasser auf Hochtouren läuft, ist absolute Ruhe am Platz oberste Pflicht. Vermeide jedes Poltern im Boot oder laute Schritte am Ufer. Wenn du das Wallerholz nutzt, dann extrem sparsam – wenige, präzise Schläge reichen völlig aus.

Dieser kapitaler Waller wurde im Hochsommer direkt hinter einem Seerosenfeld im Hochsommer gefangen.
DER HOCHSOMMER-SPICKZETTEL
Sonniger Tag & Vormittag:
-Bereich: Flachwasser, Krautbetten, Oberflächennähe.
-Taktik: Abspannen an Krautkanten, pelagische Präsentation. Große Welse nutzen oft die Phase des Sonnenaufgangs und die ersten harten Sonnenstrahlen für aggressive Bisse!
Laue Sommernacht:
-Bereich: Steile Abbruchkanten zur Tiefe, flache Sandbänke, direkte Uferbereiche.
-Taktik: Bojenmontagen knapp über der Sprungschicht oder Grundangeln in flachen Bereichen.
-Ködertipp: Ein großer, frischer toter Köderfisch.
Sauerstoffmangel:
-Bereich: Fluss und See.
-Taktik: Fischen direkt in der harten Strömung, im Kehrwasser von Wehren, an Bacheinläufen oder an windzugewandten Uferseiten.
Fazit
Der Hochsommer ist keine Saure-Gurken-Zeit. Wer versteht, dass der Wels die Wärme liebt, im Morgengrauen noch einmal richtig aufdreht und im warmen Wasser ein dankbarer Abnehmer für tote Köderfische ist, wird an den Gewässern Sternstunden erleben.
Petri Heil,
Vitali Dalke




